Die Konzepte zeigen, welche Motive zu einer spezifischen Textpraxis führen und wie ich Begegnungen zwischen Text, Interpret*innen und Publikum inszeniere. 

Aischylos
Das ist alles wahr 
Eine Arbeit zu Aischylos »Die Perser«

Die 2500 Jahre alte Tragödie beschreibt den Sieg der Griechen über die damalige Weltmacht Persien und ist ein europäischer Gründungsmythos. Ich lade die Zuschauer*innen ein, dem Text in fünf Etappen aus je anderer Perspektive zu begegnen. In einer großen Raumbühne verändere ich dazu auch jeweils die Raumsituation. Zentrales visuelles Element ist ein großes rotes Quadrat auf dem Boden, das zunächst den Zuschauerbereich von einem weiten leeren Raum trennt.

Das Stück beginnt mit Siegesphantasien der Perser, durch die ihre Angst vor einer befürchteten Niederlage bezwungen werden soll. Diese Beschwörungen werden von einer nicht sichtbaren Sprecherin nach und nach in den Raum gesprochen und hallen wieder. Das Publikum schaut in den weiten leeren Raum.

Etappe zwei ist eine diskursive Befragung der humanistischen Deutungstradition der »Perser«: War es vielleicht lustvoll, eine weinende Weltmacht auf der Bühne zu erleben? Die Akteurin, die jetzt bei den Zuschauern ist, zeigt anhand historischer Fakten, dass die grausam-detaillierte Kriegsbericht-erstattung des Botenberichts wohl weniger dem Mitleid mit den Verlierern (wie oft behauptet), als vielmehr der kollektiven Feier des griechischen David-Siegs gegen den persischen Riesen Goliath gewidmet war.¹

In Teil drei nimmt die Akteurin die Position der Besiegten ein: Das Aussprechen des Schrecklichen wird zum Akt der Trauer. Die Stimme berührt vorsichtig die Worte, jeder Klage folgt ein langes Hören. Intimer Ton und Zeit-Raum werden so verknüpft, dass die alten Klageworte nah und fern gleichzeitig erscheinen. Das rote Quadrat wird zum Ort dieses Geschehens.

In Teil vier öffnet sich der große bisher unbespielte Raum für die Zuschauer*innen als Zeit-Raum für ihre Reflexionen, ihr Erinnern oder Agieren. In der letzten Etappe treffen sich alle da, wo das rote Quadrat war, sitzen an Tischen, essen Schokolade (ein symbolischer Leichenschmaus) und erzählen sich gegenseitig sowie neu hinzukommenden Gästen, was an diesem Ort geschah.


  1. Die Erfolgsgeschichte der Perser-Tragödie hat Emil Staiger an Hand historischer Fakten plausibel dargestellt. Vergl. dazu: Staiger, Emil: Aischylos: Die Perser. Stuttgart 1993.

  2. Die verwendete Übertragung von Peter Witzmann und Heiner Müller verstärkt das Fremde des alten Textes durch ein Übermaß an Wörtlichkeit. Vergl. Programmbuch zu Aischylos DIE PERSER, Theater der Freien Volksbühne Berlin (1991).

Solo für eine Schauspielerin mit Publikumsbeteiligung

Konzept, Textfassung und Sprechkomposition

Tomma Galonska

Dauer

5 x 45 Minuten an 5 Tagen in Folge (oder an einem Tag mit Pausen)

Raum

Große unterteile Raumbühne

Englische Übersetzung

P. J. Blumenthal

Verwendete deutsche Übersetzung

Heiner Müller und Peter Witzmann

Aufführungen

Klangraum Düsseldorf 2017; Kunstausstellung 6:9 Weltversprechen München 2017

Aufführungssprache

Deutsch und Englisch

Förderer

Kulturreferat der Stadt München

  • Das rote Quadrat, Düsseldorf 2017

  • Raum für Teil V, Düsseldorf 2017

  • Teil V: Zuschauer erzählen beim Dessert, Düsseldorf 2017. Foto: Ryan Dohoney

  • Das rote Quadrat, München 2017. Im Hintergrund eine Kaba der Künstlerin Rasha Ragab

Dante
Dantes »Divina Commedia«
Und die Betrachtung der Welt

Dante Alighieri ist der Schöpfer einer der bildmächtigsten poetischen Sprachen, die wir kennen. Kann seine Commedia uns heute ein ‚Programm' für eigene innere Bildproduktion sein? Die Commedia ist ein 700 Jahre altes Gedicht. Sie ist auch ein Reisebericht: Der Erzähler und Wanderer Dante schildert seinen Weg durch die Jenseitswelten. Die Commedia ist in Terzinen und im italienischen 11-Silber geschrieben: 14233 Verse. Wie lässt sich dieses Werk heute sprechen? Warum es aufführen?

»Dantes gesamte Ausdruckskraft ist zusammengehalten von einer Struktur: Ein unendlich variierter rhythmischer Puls trägt alles, was er uns sagen will. Der Rhythmus treibt das Gedicht voran. Jeder Moment tanzt und der Tanz geht immer weiter.«¹ Durch die Objektivität der Struktur wird alles gleichwertig behandelt: Ob amüsantes Detail (und Dante liebt Details) oder theologische Maxime, ob politischer Kampf oder triviale Unannehmlichkeit, ob erschütternde Qual oder höchste spirituelle Erfahrung, alles erscheint im selben rhythmischen Geschehen. Es ist diese einzigartige Form der Weltbetrachtung, die das Aufführungsmotiv bestimmt: Auf jede Deutung verzichtend, lässt die Sprecherin alle Begebenheiten und Sprachbilder im Wellenspiel des Rhythmus aufleben, was zugleich ein affektiv-körperliches Erleben der Erzählung erlaubt.² Der prosodische Rhythmus von Hartmut Köhlers eindrücklicher deutscher Übersetzung, wird dazu leicht akzentuiert, und die Zuhörenden sind eingeladen, Schritt für Schritt zu folgen: Nach jeder Terzine (drei Verse) wird ihnen ein kurzes Innehalten, ein Lauschen und inneres Sehen gewährt. 

Der Sinn der Commedia erfüllt sich, wenn die Hörenden selbst zu Wanderern werden. Flankiert wird jeder Gesang von einer kleinen Einführung und einigen wenigen Zeilen im italienischen Original.


  1. James, Clive. In: Clive James on translating Dante. The Telegraph Book News. 2013.

  2. Vergl.: Gumbrecht, Hans Ulrich: Rhythmus und Sinn. In: Medialität der Kommunikation. 1988.

Solo für eine Sprecherin (einen Sprecher)

Konzept und Sprechkomposition

Tomma Galonska

Dauer

5 x 45 Minuten an 5 Tagen in Folge (oder an einem Tag mit Pausen)

Raum

Große unterteile Raumbühne

Aufführungssprache

Einführungen: Deutsch/Englisch

Deutsche Übersetzung

Hartmut Köhler

Engl. Übersetzung (zum Mitlesen)

Allen Mandelbaum

Aufführungen

Klangraum Düsseldorf 2019

»Galonska's Divina Commedia is a powerful spiritual exercise that reinvigorates Dante's text as a collective act of mourning and hope. Her enunciation of the prosodic rhythms of the German translation produces vibrant rhythmic novelty while her searing and reflective silences give listener's the mental and emotional space to consider what it might mean to be damned or saved in these dark times.«

Ryan Dohoney, Associate Professor of Musicology, Department of Music Studies, Northwestern University, USA. August 2019.
Shakespeare
Territorium wollen. Umsturz wollen. Liebe wollen. Rache wollen.
Bearbeitung von Shakespeares Historiendrama »Heinrich VI« (Teil II und III)

William Shakespeares »Heinrich VI« (1590-92) schildert die blutigen »Rosenkriege« (1455-85). Eine rohe Dichtung, die als erkenntnisreiche Geschichtsschreibung gelten kann, weil hier Glaubenssätze, Formeln unseres Denkens und Handelns tradiert sind. Der Shakespeare-Übersetzer Frank Günther sagt dazu: »Wir haben es mit sich in Sprache zeigender Historie zu tun.«¹ Flüche, Kriegspathos, territoriales Anspruchsdenken, alles bis hin zu den Liebesschwüren kreist hier um die eine Frage: Sieg oder Niederlage. Mein Motiv: Raum schaffen für die verbale Gewalt, so dass betrachtbar wird, was konstitutiv für die Figuren (uns) gewesen ist.

Der Text liest sich wie ein Logbuch für Kriegs-Brainwash und thematisiert explizit die Macht, die Wörter über uns haben.² Was also tun mit diesen Formeln? Ich will weder die Erzählung des Vernichtungskampfes fiktional wiederholen noch konsistente Figuren zeigen, vielmehr soll ein Spannungsfeld entstehen, das die Indoktrinationen und Imperative als wirkmächtiges Texterbe aufruft und zugleich jede Identifikation aushebelt und die Gewaltsprache brüchig werden lässt. Ich wähle eine Sprech-Praxis, in der sich Abstraktion und Figuration vermischen.

Die Aufführung findet in zwei Räumen statt. Die Akteurin sitzt allein in einem kleinen einsehbaren, aber nicht betretbaren Raum, der durch eine Tür mit dem Zuschauerraum verbunden ist. Dort zeigt eine Videoprojektion auf Fensterglas ihr Gesicht, das mehr und mehr verschwimmt. Sich nicht vom Platz bewegend unterwirft sich die Schauspielerin im Laufe einer Stunde der physischen Erfahrung dieser verstörenden Sprache und ihrer doch so poetischen Glorifizierung von Gewalt. Momenthaft lassen sich Charaktere hinter den sich aufbäumenden Sprachkaskaden und Vernichtungsparolen ausmachen. Mit dieser Sprachschau wird (frei nach Bertolt Brecht) ein Kriegsstück aufgeführt, in dem keiner mehr mitspielt.


  1. Vergl. dazu: Günther, Frank: Heinrich VI, 2. Teil: Aus der Übersetzerwerkstatt. 276 f. Cadolzburg 2010.

  2. Vergl. dazu: Günther, Frank: Unser Shakespeare. 233 f. München 2014.

Sprechkomposition (für eine Akteurin oder ad libitum)

Konzept und Libretto

Tomma Galonska

Dauer

60 Minuten

Raum

Zwei verbundene Räume

Verwendete deutsche Übersetzungen

August Wilhelm Schlegel, Frank Günther

Videoinstallation 

Manuela Hartel

Raum

Dana Lürken

Aufführungssprache

Deutsch

Aufführungen

Leonrod Haus für Kunst München (Atelier Anne Wodtcke) 2014

Förderer

Kulturreferat der Stadt München

Adaption: »I live in hell – let me live«

Videodiptychon von Manuela Hartel

Filmvorführungen

Leonrod Haus München 2014; Munich Opera Festival »Stadt der Frauen« München 2015; Collateral event of Biennale Arte »Body & Soul« Venice 2017

»Inszeniert wird radikal: Tomma Galonska zeigt umstürzlerischen Furor und den Traum von einer besseren Welt.«

Süddeutsche Zeitung

»Ein interessantes Sprach-und Sprechexperiment, das den Zuschauer in knapp einer Stunde zum intensiven Zuhörer und Beobachter werden lässt.«

BR Kultur
  • Die Performerin in ihrer Kammer und ihr Gesicht auf Fensterglas im Zuschauerraum. Fotos: Chrstian Ketel

  • Besucher betreten den Zuschauerraum. Videostill: Christian Ketels

  • Besuscher betreten den Zuschauerraum. Videostill: Chrisitan Ketels

  • Die Projektion im Zuschauerraum. Foto und Vidoeinstallation: Manuela Hartel

  • Die Projektion im Zuschauerraum. Foto und Videoinstallation: Manuela Hartel

  • Die Performerin in ihrer Kammer. Foto: Chistian Ketels

  • Die Performerin in ihrer Kammer. Foto: Christian Ketels

  • Die Performerin in ihrer Kammer. Foto: Christian Ketels

  • Die Performerin in ihrer Kammer. Foto: Christian Ketels

Aimé Césaire
NEWS 13:13
Eine Langzeitperformance zu Texten von Aimé Césaire

Aimé Césaire (1913–2008), afro-karibischer Dichter, Mitbegründer der Négritude¹ und Politiker. Seine Dichtung ist ein Werk der Affirmation, eine Hommage an ein Leben, in dem sich alles mit allem verbindet. Poesie gilt dabei als eine Kraft, die Mensch und Kosmos² verbindet und zugleich zentraler politischer Akt ist. Getrieben von der »Dringlichkeit, eine freie und gerechte Gesellschaft zu erschaffen, ist Césaires entfesselte Lyrik«³ in jeder Zeile ein Kampf um politische Befreiung, die er als Entfesselung des Geistes, des Empfindens und der Wahrnehmung im sprachlichen Ausdruck vorlebt.

Die Performance stand im Kontext meiner mehrjährigen Beschäftigung mit oralen Traditionen des afrikanischen Kulturraums. Diese sind keineswegs nur als mündliche Überlieferung von Märchen und Sagen aufzufassen, vielmehr beinhalten sie ein umfassendes Konzept von Sprache als »tätigem Prinzip«.4 Aus dieser Vorstellung resultiert auch eine dynamische Auffassung der Beziehung zwischen Schrifttext und Performanz, die ich in dem Aufführungszyklus thematisiere: Die Fixierung der Sprache in Schrift (gezeigt als Videoprojektion) und der Variationsreichtum mündlicher Textwiedergabe werden verschränkt. So wird der geschichtsträchtige Ort (Haus der Kunst) sowohl visuelles Medium als auch – mit seinem enormen Echo – Klangkörper für den politischen Aufschrei: »Europa patrouilliert in meinen Adern wie ein Schwarm Fadenwürmer wenn es Mitternacht schlägt.«5

Die Performer (eine Europäerin und ein Schwarzafrikaner) kommen täglich um 13.13 Uhr (symbolisch für ein anderes Zeitdenken) und überbringen »poetische Nachrichten«. Die Dichtung Césaires lädt ein zum Dialog mit der Welt der Vielfalt: Fachausdrücke aus Geologie und Botanik, lateinische Worte und eigene Wortschöpfungen geben Einblick in ein komplexes Weltbild und sind zugleich Umraum für die explosiv-schmerzlichen Schilderungen von Césaires eigener historischer Erfahrung. Jeden Tag aufs Neue erkunden die Performer die Botschaften dieser Poesie. Plötzlich sind die Besucher*innen mit der konkreten Situation des heute in Europa lebenden schwarzafrikanischen Performers konfrontiert, der mit ihren Erwartungen spielt und unvermittelt fragt: »Do you want me to dance for you?«


  1. Die Négritude ist eine literarisch-philosophische politische Strömung, die für eine kulturelle Selbstbehauptung aller Menschen Afrikas eintritt. Wikipedia.

  2. Vergl.: Jahn, Janheinz. Aimé Césaire: Sonnendolche. Heidelberg 1956.

  3. Leiris, Michel. In: Aimé Césaire – Gedichte. München 1987.

  4. Hampâté Bâ, Amadou: Das Wort überbrückt Jahrhunderte. In: Imfeld, Al: Verlernen was mich stumm macht. Lesebuch zur afrikanischen Kultur. Zürich 1980.

  5. Césaire, Aimé: An den Schleusen der Leere. In: Sonnendolche. Deutsch von Janheinz Jahn. Heidelberg 1956.

Poetische Nachrichten

Texte von Aimé Césaire

Den Leib verloren (Corps Perdu); Sonnendolche (Soleil Cou Coupé); Notizen von einer Heimkehr (Cahier d'un Retour au Pays Natal); Lagunenkalender (Calendrier Lagunaire) aus: Ich, Laminaria (moi, laminaire).

Konzept

Tomma Galonska 

Dauer

26 Tage (1 h pro Tag)

Raum

Großes Treppenhaus (Öffentliches Gebäude)

Deutsche Übersetzungen

Janheinz Jahn, Brigitte Weidmann, Klaus Laabs

Englische Übersetzungen

Clayton Eshleman, Annette Smith

Aufführungszyklus

Haus der Kunst München 2012

Performance

Tomma Galonska, Tonderai Munyebvu

Objekte

Valentin Manz

Wissenschaftliche Mitarbeit

Danila Roth

Aufführungssprachen

Deutsch, Englisch, Französisch

Förderer

Kulturreferat der Stadt München; Bezirk Oberbayern; Freie Münchner und Deutsche Künstlerschaft, FMDK e.V.

Adaption: »äußerste maske«

Zum 100. Geburtstag von Aimé Césaire
Solo für eine Performerin, München 2013

»Mit der Verflechtung der Stimmen, die sich verschiedenen Sprachen öffnen, während sich Künstler und Publikum im Raum bewegen und die Poesie Césaires mit diesem kontextualisieren, kreiert Tomma Galonska eine Performance, die es der Dichtung erlaubt, sich durch Zeit und Raum zu bewegen. Dies ist ein neuer Weg, um dem Ort näher zu kommen, von dem der Dichter spricht: ›Ich bewohne den unausgebeuteten Raum.‹«

Ernstpeter Ruhe: Performances poétiques: Tomma Galonska. In: Une œuvre mobile. Aimé Césaire dans les pays germanophones (1950-2015). Königshausen & Neumann 2015. (Aus dem Französischen von Viana Hutman.)
  • Besucher beobachten Tonderai Munyebvus stille Aktion im Treppenhaus. Haus der Kunst, München 2012. Foto: Sonja Allgaier

  • Tonderai Munyebvu. Foto: Sonja Allgaier

  • Tonderai Munyebvu vor einem Foto von Aimé Césaire. Videostill: Christian Ketels

  • Tonderai Munyebvu vor der Textprojektion. Videostill: Christian Ketels

  • Tomma Galonska im Fahrstuhl des Treppenhauses. Davor die Skulpturen von Valentin Manz . Videostill: Christian Ketels

  • Tomma Galonska mit Besucher*innen im Fahrstuhl. Foto: Sonja Allgaier

  • Tomma Galonska mit einer zuhörenden Besucherin. Videostill: Christian Ketels

  • Tomma Galonska spricht den "Lagunenkalender" von Aimé Césaire. Videostill: Christian Ketels

  • Tomma Galonska vor der Textprojektion. Foto: Sonja Allgaier

  • Tonderai Munyebvu vor der Textprojektion. Videostill: Christian Ketels

Yoko Tawada
Über see zungen
Texte von Yoko Tawada als Dialog zwischen Stimme und Klavier

Die japanische Autorin Yoko Tawada lebt seit 1982 in Deutschland, schreibt viele ihrer Texte in Deutsch und »beschreibt die Welt so, wie sie aussähe, könnte man gleichzeitig träumen und hellwach sein« (taz). Tawadas Lyrik und poetische Kurzprosa gehören zu den ersten Texten, anhand derer ich mich mit neuen Rezitationsformen beschäftigt habe. Zwei Motive standen dabei im Vordergrund: Erstens der assoziativ-spielerische Umgang einer Japanerin mit der deutschen Sprache und die von ihr erzeugten überraschenden Bedeutungszusammenhänge; und zweitens die Frage, wie sich in Stimme übersetzen lässt, dass der Text nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheidet.

Im Dialog mit der japanischen Pianistin Masako Ohta habe ich Gesetze der freien Musikimprovisation auf die Textverstimmlichung übertragen: Es wird nicht festgelegt, wie der Text erklingt, stattdessen lassen sich die Interpretinnen in jeder Aufführung neu auf den Text ein und überführen davon ausgehende Impulse unmittelbar in die Stimm- bzw. Tonerzeugung:

»Ein Tuch / Eine Türkin trägt es als Kopftuch / Der Wind nimmt es mit / Und legt es auf den Unterleib des Kreuzes / Das Leinwandtuch / Wenn es im Kino dunkel wird / Verlässt das Tuch das Kreuz / Und fliegt in die Küche hinein / Das Wischtuch«.¹

Sprecherin und Pianistin lassen sich von dem poetisch-bizarren Szenario anstecken: Die Sprecherin hält sich exakt an den Text, riskiert aber Lautdehnungen, wechselnde Tempi und Stimmfrequenzen, auch Wiederholungen. Manchmal sind zunächst nur Stimmgeräusche und Phoneme zu hören, die sich dann als Wort bzw. Satz entfalten. Die Pianistin reagiert ihrerseits auf den Text mit Rhythmen, Melodiefragmenten, Geräuschen. Gemeinsam erzeugen sie so ein Sinn-Klang-Gewebe, in dem sich Aussagen metamorphisch verwandeln, Klänge und Worte aufeinander zurückwirken und ständig oszillierende Wahrnehmungs- und Bedeutungsräume schaffen. Kurz: Es entsteht eine Welt, in der Traum und Wirklichkeit nicht zu trennen sind.


  1. Yokoy Tawada: »Die Oragngerie« In: Aber die Mandarinen müssen heute Abend noch geraubt werden. 

Dialog zwischen Stimme und Klavier

Texte von Yoko Tawada 

Aus: »Überseezungen«; »Nur da wo du bist da ist nichts«; »Aber die Mandarinen müssen heute Abend noch geraubt werden«; »Wo Europa anfängt«.

Konzept

Tomma Galonska (Sprache) und Masako Ohta (Piano)

Dauer und Raum

Variabel

Originalsprachen

Deutsch und Japanisch

Deutsche Übersetzungen

Peter Pörtner

Aufführungssprache

Deutsch (partiell Japanisch)

Aufführungen 

Meta Theater Moosach, Residenz Eichstätt - Kunsträume Bayern, Seidlvilla München u.a. 2007-2008

Förderer

Kulturreferat der Stadt München, Kunsträume Bayern

»Wenn Worte sehen lassen: Wenn Tomma Galonska Texte spricht, geht das über reine Rezitation weit hinaus: Sie rhythmisiert die Worte, präsentiert sie als Geräusche, zerlegt sie in einzelne Buchstaben, die Variabilität ihrer Stimme ist unglaublich. Sie arbeitet mit erstaunlichen emotionalen Übergängen und bleibt dabei immer glaubwürdig. Am Ende hat man das Gefühl, nicht nur etwas Neues gehört zu haben, sondern auch etwas Neues gesehen zu haben.«

Süddeutsche Zeitung
  • Tomma Galonska und Yoko Tawada bei der Publikumsdiskussion nach der Premiere. 2007. Foto: Regine Heiland

  • Bei der Publikumsdiskussion. V. l. n. r. Tomma Galonska, Yoko Tawada, Masko Ohta, Peter Pörtner. Foto: Regine Heiland

  • Masako Ohta und Tomma Galonska bei einer Probe im Steinwayhaus München. 2008. Foto: Ralf Schüle

  • Masako Ohta und Tomma Galonska bei einer Probe im Steinwayhaus München. 2008. Foto: Ralf Schüle

Andrea Heuser
vor dem verschwinden
Ein Gedichtzyklus von Andrea Heuser als Prozess des Erinnerns

Der Gedichtzyklus von Andrea Heuser umkreist Kindheitserinnerungen: Flüchtige Euphorien und ein nie genau definiertes tragisches Ereignis. Heuser »hat zerbrechliche Momente kurz vor dem verschwinden in Wörter gepackt«(FAZ) und erlaubt der Erinnerung, sich in ihrer Sprache zu äußern: Unverstellt, schön und verstörend tauchen fragile Bruchstücke auf, dann plötzlich vitale Sprachlust, gefolgt von der leisen Stimme intimer Reflexion. 

Sich in einen Erinnerungsprozess zu begeben, ist auch das Motiv der Aufführung. Und wie funktioniert Erinnerung? Bilder, Ausdrücke, Regungen überfallen einen, etwas ist klar da, anderes klopft an und ist noch nicht deutlich zu fassen, bis es sich als kohärenter Gedanke zeigt ...

Vier Frauen unterschiedlichen Alters und aus den drei Bühnendisziplinen Schauspiel, Tanz, Gesang begegnen dem Text als Erfahrungsfeld: In Sprechakten, Bewegungen und Liedfragmenten folgen sie der in den Gedichten angelegten assoziativen Erzählweise: Kindliche Naturverbundenheit bricht sich in Wortkaskaden Bahn: »alles sei halswärts, sei himmel-, WERFEN, sich werfen, und«. Die Tänzerin spürt den Erlebnissen in Körperbewegungen nach und für die Mezzosopranistin hat der Komponist Sidney Corbett eine Gesangsebene geschaffen, die ephemere Töne und angstvolle Ahnung in den Prozess des Erinnerns einwebt.

Den Bühnenraum hat die bildende Künstlerin Anne Wodtcke mit skulpturalen Elementen ausgestattet: Pflanzen, Holz, Wasser, schräge Ebenen, ein großer Berg mit zerknülltem Papier. Kontrastiert wird das sinnliche Eintauchen in die Erinnerungswelt durch das nüchterne Zurückblicken der Erzählerin, die fragt: »Was hast Du gesehen?« Das Wort Suizid fällt nie und ist doch gegenwärtig. Dieser Verzicht auf die eindeutige Geschichte ermöglicht es den Zuschauer*innen, eigene Spuren und Erfahrungen in der poetischen Erzählung aufzufinden.

Musiktheaterinszenierung

Buch

Andrea Heuser

Konzept und Regie

Tomma Galonska

Liedkomposition

Sidney Corbett

Ausstattung / Licht

Anne Wodtcke / Pit Schultheiß

Schauspiel

Gabi Geist, Inge Rassaerts

Mezzosopran

Martina Koppelstetter

Tanz

Anna Holter

Co-Produzent

Schwere Reiter Musik, Karl Wallowsky 2009

PR und Organisation

Claudia Illi

Förderer

Kulturreferat der Stadt München, Bezirk Oberbayern, Kulturstiftung der Stadtsparkasse München

Adaption: Konzertante Duo-Version

Sprechstimme: Tomma Galonska, Mezzosopran: Martina Koppelstetter. 2010-2016

»Poesie wird für das Publikum neu erlebbar, als Zusammenspiel von augenblicklicher Wahrnehmung und Assoziation.«

Abendzeitung
  • Anna Holter (l) und Inge Rassarerst. Foto: Anne Wodcke

  • Gabi Geist. Foto: Anne Wodcke

  • Anna Holter: Foto: Anne Wodtcke

  • Martina Koppelstetter: Videostill: Christian Ketels

  • Martina Koppelstetter. Foto: Anne Wodtcke

  • Gabi Geist, Anna Holter, Martina Koppelsteter. Foto: Anne Wodtcke

  • Martina Koppelstetter, Gabi Geist. Foto: Anne Wodcke

  • Anna Holter, Martina Koppelstetter, Gabi Geist. Foto: Anne Wodtcke

  • Inge Rassaerts. Foto: Anne Wodtcke

Buch Kohelet
Heave a cup of tea − There is a time for everything
Eine Gedenkveranstaltung

Das alttestamentarische Verslied »Alles hat seine Stunde« aus dem Buch Kohelet (ca. 250 v.u.Z.) benennt die ewigen Widersprüche des Lebens – Geburt und Tod, Liebe und Zerstörung, Gewinn und Verlust, Krieg und Frieden – in einer Gelassenheit, die sich über alle kulturellen Differenzen zu erheben scheint. Ich habe diesen alten Text ins Zentrum einer achtstündigen Gedenkveranstaltung gestellt (ursprünglich konzipiert für die Opfer des Bombenattentats in der Londoner U-Bahn 2005). Ziel war es, ein Setting zu schaffen, das jeden argumentativen Disput unterbricht und Menschen aus unterschiedlichen Kulturen als Community zusammenbringt.

In einem öffentlichen Versammlungsraum werden zwei soziale Praktiken kombiniert, die in fast allen Kulturen verwurzelt sind: Das Zelebrieren eines rituellen Textes und das gemeinsame Teetrinken. Tee wird von Menschen der interkulturellen Nachbarschaft serviert, entsprechend ihren lokalen Sitten. Ein Zeitplan zeigt an, wann welche Teezeremonie stattfindet. Im Aufführungsraum in der Münchner Maxvorstadt gab es z. B. Tee aus der Mongolei, aus Äthiopien, Russland, Japan, der Türkei, aber auch English Breakfest Tea und Minzmelissentee aus Bayern.

Alle 15 Minuten ertönt ein Gong und es wird eine der 28 Zeilen des Salomon-Liedes – als ca. zwei minütige Improvisation – von je einer Sprech- und einer Instrumentalstimme intoniert. Danach wird wieder Tee getrunken, geredet oder geschwiegen, man kann kommen, gehen und wiederkommen. Als Aufführungssprache wurde Englisch gewählt, auch andere Aufführungssprachen sind denkbar:

12:00: There is a time to be born. 12:15: And a time to die. 12:30: A time for planting. 12:45: And a time for uprooting what has been planted. [...] 16:00: A time for searching. 16:15: And a time for losing. [...] 19:45: There is a time for war. 20:00: And a time for peace.

Walk-In Performance

Text

Buch Salomon, die Worte Kohelets

Konzept

Tomma Galonska und Helena Hill-Wilson (2006) Bearbeitung: Tomma Galonska (2015)

Dauer

8 Stunden (12:00 – 20:00)

Raum

Versammlungsraum

Mitwirkende

2 Sprechstimmen, 2 Instrumentalstimmen, Menschen aus der Nachbarschaft

Interpret*innen (München 2006)

Xavier Bour (Trompete) Margarita Holzbauer (Gambe, Cello) Tomma Galonska (Stimme) Michael Mahn (Saxophon und Stimme)

Video

Gisela Wunderlich, Bernt Engelmann

Aufführungssprache

Englisch 

Erstaufführung

Kunst im Karree: Ateleir von Tomma Galonska, München 2006

  • Der Kohelet Text läuft als Loop auf dem Fußboden. Foto: Bernt Engelmann, Gisela Wunderlich

  • Tomma Galonska und Besucher*innen. Foto: Helna Hill-Willson

  • Michael Mahn und Tomma Galonska. Videostill: Bernt Engelmann, Gisela Wunderlich

  • Gäste beim Teetrinken. Foto: Helena Hill-Wilson

Kurdisches Kampflied
Sprache und Gewalt  − Wer aber herrscht über uns?
Installation für sich äußernde Subjekte

»Wie könnt ihr leben, ohne Wissen um euer Recht?« Danach fragt das alte kurdische Kampflied (530 v.u.Z.)¹ und stellt immer von Neuem die Frage: »Wer aber herrscht über uns?« Mögliche Antworten: »Boten des Zorns? Herren der Furcht oder Angst? Die Verzeihung, gar die Liebe oder Kraft göttlicher Macht, die Rache?«

Mit einem interdisziplinären Ensemble habe ich für diesen Text ein Szenario kreiert, in dem der Kampf gegen Herrschaftsverhältnisse als Ringen um subjektive Äußerung durchexerziert wird: Zeile für Zeile sprengen die Performer*innen das gesellschaftlich sanktionierte Kontingent sprachlicher Äußerungsformen und rebellieren gegen die (Re)Produktion der darin beschlossenen Machtstrukturen. Unverbrauchte Parameter werden erprobt, indem der Text mit Körperaktionen und musikalischen Elementen zusammengebracht wird: Zeilen werden gesungen, herausgestottert, zelebriert, in ihre Phoneme zerlegt etc. Aus der Individualität der Interpret*innen entsteht eine Eigendynamik, die in ein Gefüge aus divergierenden künstlerischen Artikulationen mündet. Zugleich sind es diese individuellen Freiheitskämpfe, die hier neue kollektive Kraft konstituieren: Was auch immer der Einzelne hervorbringt, es wird chorisch wiederholt. 

Organisiert ist das Ganze als Aktions-Loop in einer Rauminstallation aus mehreren Ebenen, in die sich Zuschauer hineinbegeben können.


  1. Alte kurdische Kampf- und Liebeslieder. Gesammelt und übertragen von Hilmi Abbas. München 2004.

Walk-In Performance

Text

Kurdisches Kampflied (Anonym 530 v.u.Z.)

Konzept und Regie

Tomma Galonska

Dauer

Loop (mehrere Stunden)

Besetzung

Ad libitum (Sprech- Gesangsstimmen, Instrumentalstimmen, Tänzer*innen)

Performer*innen (2009)

Sophie Engert, Stephanie Felber, Leo Gmelch, Sandra Hilpold, Almut Koch, Martin Pfisterer, Marcus Widmann, Thomas Wenke.

Raum / Licht

Tomma Galonska und Anne Wodtcke / Pit Schultheiß

Co-Produzent

Schwere Reiter Musik, Karl Wallowsky, München 2009

PR und Organisation

Claudia Illi

Aufführungssprache

Deutsch

Förderer

Kulturstiftung der Stadtsparkasse München
Kulturreferat der Stadt München
Bezirk Oberbayern Kulturförderung

»Quälende Frage, kostbare Antwort: Galonska lässt ihre Performer einen körperlichen Zugang zum Text suchen, einen planvoll unsystematischen. Immer abstrakter wird diese Sprache, verspielter, unsinniger. Und erstaunlicherweise ist es so, dass sich gerade in der Verweigerung einer Interpretation der Gehalt des Textes am deutlichsten erschließt.«

Süddeutsche Zeitung
  • Probenfoto: V.l.n.r. Thomas Wenke, Stephanie Felber, Martin Pfisterer, Marcus Widmann. Foto: Anne Wodtcke.

  • Probenfoto: V.l.n.r. Martin Pfisterer, Marcus Widmann, Sandra Hildpod. Foto: Anne Wodtcke